Warum du Angst hast, deinen Obstbaum zu schneiden…

… und ein paar Kniffe, was du dagegen tun kannst.

Ich weiss noch ganz genau, als ich das erste Mal in der Baumschule meines Chefs auf die Spalierbäume losgelassen wurde. Und halt mal schneiden sollte. Das hier waren Spalierbäume! Zuhause haben wir nur die ollen Hochstämme, DIE sind einfach. Dazu kam, die gehörten meinem Chef, und der verdient damit sein Geld. Und die soll ich jetzt schneiden!? Was wenn ich etwas falsch mache?

Daher kenne ich das Gefühl nur zu gut, vor einem Obstbaum zu stehen, und Angst zu haben, den ersten Schnitt zu wagen. Welche Ängste du vielleicht auch hast und was dagegen hilft, zeige ich dir heute.

Die Angst, etwas falsch zu machen

Eine der Ängste schlechthin, wenn es um den Schnitt deines eigenen Obstbaumes geht: wenn ich jetzt falsch schneide, verhunze ich den Baum für alle Lebzeiten. Gefolgt von: wenn ich etwas falsch mache, geht mein Obstbaum ein.

Bei letzterem kann ich dich beruhigen, so lange du nicht mit der Kettensäge unten ansetzt und den Baum fällst, sind deine Obstbäume meist recht robust. Und selbst nach einer Fällung treibt manches mal die Unterlage wieder aus. Also, unsere Obstbäumchen sind dann doch nicht ganz so große Mimosen wie man manchmal denken könnte.

Zum Thema Obstbäume verhunzen: ein klares ja und nein. Denn je jünger und triebfreudiger ein Obstbaum, desto eher verzeiht er auch mal den „falschen“ Schnitt und schliesst vorhandene Lücken. Vor allem, wenn du dich auf der Ebene der Fruchtäste und Fruchtruten befindest. Schneidest du jedoch mal einen Leitast komplett ab, kann es sein, dass es länger dauert, bis er wieder ersetzt ist. Oder eben auch gar nicht mehr. Das kann dazu führen, dass dein Baum ins Ungleichgewicht gerät. Daher hilft auf jeden Fall im vorhinein zu ermitteln, wie die Grundstruktur deines Obstbaumes ist bzw. nach dem Schnitt sein soll.

Kleine Verschnitzer gleicht der Baum meist wieder aus. Ist ja ein lebender Organismus, der jedes Jahr ein kleines oder größeres Stückchen weiter wächst. Und gerne das vorhandene Licht ausnutzt. Entsteht eine größere Lücke, wird diese meist relativ schnell wieder mit Ast und Blattwerk geschlossen, meist auch zu unserem Unfrieden, wenn der Baum plötzlich nur noch Wasserschosser treibt.

Bei größeren Schnitten kommt es drauf an: wenn der Baum noch jung oder vital aber vergreist ist, ist dies sogar eine Methode, den Baum wieder ins Treiben zu bekommen. Ist der Baum nicht mehr allzu vital und stark vergreist, kann es sein, dass nicht mehr viel triebtechnisch passiert, und du den Obstbaum über eine zu große Wunde, die er nicht mehr verheilen kann, zusätzlich schwächst. Deswegen: Schau genau! Stand der Apfelbaum schon zu Opas Zeiten dort und weist viele kahle und trockene Astpartien auf: Schneiden, aber mit Gemach.
Sieht der Baum aus wie das blühende Leben selbst: gerne etwas mehr! Was wiederum zur nächsten Angst führt:

Die Angst, zu viel wegzuschneiden

Verstehe ich, vollkommen. Denn auch ich verfalle immer noch gerne mal in einen richtigen Schneidrausch, und muss mich manchmal bremsen. Macht halt Spaß!

Zwei Tipps für dich: ein fester Schnittumfang und klar festlegen, was bleibt!

Ich sage bei Anfängern und Menschen, die ihren Baum noch nicht kennen, maximal 30 % des Kronenvolumens weg schneiden. Wenn überhaupt, denn das geht manchmal schneller als du denkst.

Daher lege dir vorher ganz ganz genau fest, was bleibt! Nicht, was wegkommt, denn das geschieht meist ganz von alleine wie. Schau dir deinen Baum ganz genau an und entscheide dich, welche Äste stehen bleiben. Und dann halte dich dran! Denn man könnte ja noch hier oder da, und der Ast stört mich ja auch noch…nope!

Daher auch die Baumansprache: bevor ich einen Schnitt mache, laufe ich erstmal eine Zeit lang um den Baum und schaue mir die Struktur genau an. Dabei entscheide ich, was bleibt.

Eine kleine Ausnahme: Während dem Schnitt schaue ich immer wieder, ob ich den Baum in die gewünschte Form und Struktur bekomme. Wenn nicht und sich nach dem Entfernen eines Astes ein anderes Bild ergibt, nehme ich auch schon mal einen anderen Ast heraus. Aber das passiert pro Baum maximal 2-3 mal, wenn überhaupt. Da ich mir vorher schon ein klares Bild mache. Und dann erst loslege.

Äste festlegen, die definitiv stehen bleiben, an der vorher festgelegten Strategie festhalten und maximal 30 % stutzen. Gar nicht so schwer, oder? So bleibt auch definitiv noch genug am Baum dran, und du wunderst dich nachher nicht, warum plötzlich die ganze Krone am Boden liegt 😉 .


Kurz und knapp
Äste festlegen, die definitiv stehen bleiben, an der vorher festgelegten Strategie festhalten und maximal 30 % stutzen. Gar nicht so schwer, oder? So bleibt auch definitiv noch genug am Baum dran, und du wunderst dich nachher nicht, warum plötzlich die ganze Krone am Boden liegt 😉

Die Angst, kein Obst zu bekommen

Jupp, kann definitiv passieren. Nämlich, wenn du deinem Obstbaum alle fruchttragenden Teile gleich mit entfernst. Dann hat er nämlich nix mehr, wo noch ein Apfel dran hängen, geschweige denn überhaupt dran entstehen könnte.

Ganz wichtig zu wissen: Obstbäume tragen meist ihr Obst am Fruchtholz, das 1-3 jährige Holz, je nach Art unterschiedlich. Ein Apfelbaum beispielsweise trägt am besten am 2-3 jährigen Holz. Und davon sollte nach dem Schnitt auch noch einiges im Baum sein, damit er daran wieder blühen und fruchten kann. Denn sonst sieht es wirklich schlecht aus mit dem Obst im Folgejahr.

Was hilft: wissen, was ist Fruchtholz und was nicht? Auch, wenn du Blütenknospen von Blattknsopen unterscheiden kannst, hilft dir das beim Schnitt sehr weiter, damit es im nächsten Jahr auch wieder Obst gibt.

Was kannst du nun gegen deine Obstbaumschnitt-Ängste tun ?

Bildung

Wissen ist macht! Auch beim Obstbaumschnitt, Schau mal jemanden über die Schulter, der mehr oder weniger weiß was er macht. Wenn du mal gesehen hast, wie beherzt jemand rangeht, fällt es dir bei deinen Obstbäumen auch leichter, den ersten Schnitt zu setzen.

Es gibt mittlerweile viele Obstbaumschnitt-Kursanbieter. Falls nichts davon in deiner Nähe, frage einfach mal bei der örtlichen Baumschule nach, die haben oft auch Kurse zu verschiedenen Themen.

Mache dir die Begriffe klar

Je mehr du weißt, welche Teile so ein Obstbaum eigentlich hat und je mehr du sie an deinem Obstbaum erkennst, desto leichter fällt dir auch der richtige Schnitt. Denn du weißt, was bleiben sollte, und was weg kann.

Ein Aspekt, denn ich auch mit meiner Obst-Post versuche abzudecken. Jeden Monat gibt es Hilfestellungen zu verschiedenen Themen rund um den Obstbaum und alles was damit zusammen gehört.

Nimm dir Zeit!

Nimm dir Zeit und überstürze nichts. Der Obstbaumschnitt ist für mich nichts, was mal so hoppladihopp läuft, vor allem nicht am Anfang.

Eine ordentliche Baumansprache, Festlegen der Grundstruktur, ruhiges und gelassenes Vorgehen und immer wieder kontrollieren, ob du den Baum in die gewünschte Richtung bekommst.

Stelle Fragen

Gerne mir, gerne anderen. Es gibt mittlerweile eine großes Netzwerk, von dem man viel lernen kann. Beispielsweise verschiedene Facebook-Gruppen zum Obstbaumschnitt, Menschen auf Instagram und YouTube, oder auch Treffen offline, beispielsweise des Pomologenvereins oder des NABU.

Und dann? Ran an deinen Obstbaum! Denn am besten lernt man immer noch durch die eigene Umsetzung und auch durch etwaige Fehler. Und denk dran: ganz solche Mimöschen sind viele unserer Obstbäume dann doch nicht. Frohes schneiden!

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2 Kommentare

  1. Obstbäume sind relativ robust, darum soll man keine Angst haben, um sie zu schneiden. Ich hatte letztes mal auf meinem Apfelbaum viele Blütenknospen, die ich durch Schneiden nicht verloren habe. Also es ist nicht so kompliziert, ein Baum zu schneiden, wenn es aber nicht um spezifische Pflanzen geht oder mehrere Sträucherю Danke für die Information!

    • Hallo Helena, vielen Dank dir für den Kommentar!

      Ich stimme dir voll und ganz zu, viele Obstbäume sind recht robust und verzeihen den ein oder anderen Schnitzer. Ich merke nur in der Praxis, das Viele einen enormen Respekt vor dem Obstbaumschnitt haben: die Angst etwas falsch zu machen, dem Obstbaum zu schaden, keine Früchte zu bekommen.

      Viele unterlassen daher den Schnitt, was sehr schade ist, und dem Obstbaum und der Qualität des Obstes eher hinderlich ist. Daher auch meine Devise: ran an den Obstbaum (mit dem entsprechenden Grundlagenwissen).

      Viele Grüße
      Lisa


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